Lüftungskonzepte für Wohnbauten
Gesund, effizient und förderfähig geplant
Eine durchdachte Lüftung ist heute ein zentrales Element moderner Wohnbauten – für Komfort, Energieeffizienz und Gebäudeschutz. Ob Neubau oder Sanierung: Die richtige Luftführung schützt nicht nur vor Feuchte und Schadstoffen, sondern steigert auch das Wohlbefinden der Nutzer:innen. Dieser Beitrag zeigt, worauf es bei der Planung ankommt.
Anforderungen gemäss Normen (SIA / SWKI)
- SIA 2023 und SIA 382/1: Definieren Anforderungen an Raumluftqualität, Luftwechselraten und Lüftungssysteme.
- SWKI VA 104-01: Technische Richtlinien für Planung und Betrieb von Lüftungsanlagen.
- CO₂-Grenzwerte: Richtwert 1000 ppm im Wohnbereich für gute Luftqualität.
- Förderrelevanz: Lüftungskonzepte sind Teil vieler Effizienzprogramme – besonders bei Minergie® oder GEAK®.
Komfort, Feuchteführung & Wärmerückgewinnung
- Komfortlüftung: Gleichmässiger Luftaustausch ohne Zugluft oder Geräuschbelästigung.
- Feuchteschutz: Lüftung verhindert Schimmelbildung und Schäden an der Bausubstanz.
- Wärmerückgewinnung (WRG): Senkt Heizkosten und steigert die Effizienz, besonders bei zentralen Lüftungsanlagen.
- Luftführung: Zuluft in Wohnräumen, Abluft in Feuchträumen (Bad, Küche, WC) – über Nachströmung verbunden.
Tipps für Planung & Umsetzung
Bedarf ermitteln: Personenanzahl, Gebäudenutzung, Luftvolumen – daraus ergibt sich die Luftwechselrate.
Systemwahl treffen:
- Zentrale Lüftungsanlagen mit WRG: effizient, aber platzintensiv.
- Dezentrale Geräte: geeignet für Sanierungen oder einzelne Räume.
- Technisch-hybride Systeme (zentrale WRG + Fensterlüftung)
- Betriebs-hybride Nutzung (manuelle Lüftung + Einzelgeräte)
- Positionierung der Lüftungsöffnungen: Vermeidung von „kurzschlussartiger“ Luftführung; Lüftung möglichst nicht direkt auf Aufenthaltsbereiche richten.
- Filterqualität beachten (Filterklassen nach ISO ePM1/ePM2.5): z. B. Pollenfilter für Allergiker (ISO ePM1 ≥ 80 % empfohlen), Aktivkohlefilter bei belasteter Umgebung.
- Regelung & Wartung: Automatische Steuerung nach Feuchte oder CO₂-Gehalt erhöht Komfort und Betriebssicherheit.
Schritt für Schritt zum Lüftungskonzept
Zuluft definieren auf den Grundrissen:
- Minimum 30 m³/h pro Wohnraum (Minergie®),
- oder differenzierte Zuluftwerte (siehe unten).
- Zusätzliche Überströmöffnungen oder Türspaltkontrolle
- Definition von Aussenluftdurchlässen (ALD)
Gerade bei Minergie-P oder -A Gebäuden, wo die Luftdichtheit hoch ist und Fensterlüftung kaum stattfindet, ist eine differenzierte Zuluftplanung sinnvoll:
| Raumtyp | Zuluftmenge (Empfehlung) |
| Aussenliegend (mit Fenster) | 30 m³/h |
| Innenliegend (ohne Fenster) | 35-40 m³/h |
| Innenliegend Schlafzimmer (2 Pers.) | 40-45 m³/h |
Abluft definieren auf den Grundrissen:
| Raumbezeichnung | V’ex | ME | |
| (innenliegend) | (aussenliegend) | ||
| Küche | 70 | 50 | m³/h |
| Bad/Dusche, Sauna | 50 | 30 | m³/h |
| Sep. WC | 30 | 10 | m³/h |
| Abstellraum | 20 | 0 | m³/h |
Um den CO₂-Wert in einem Raum stabil unterhalb von 1000 ppm zu halten, sind je nach Aktivitätsniveau und Raumgrösse etwa 30–36 m³/h Frischluft pro Person erforderlich. Hier die wichtigsten Erkenntnisse aus aktuellen Empfehlungen:
CO₂-Bilanzierung – Faustformel
- CO₂-Produktion pro Person: ca. 20–25 Liter pro Stunde (sitzende Tätigkeit).
- Zielwert für Raumluft: < 1000 ppm (idealerweise < 800 ppm bei Schlafräumen).
- Zuluftbedarf:
- 30 m³/h pro Person → hält CO₂ bei ca. 1000 ppm.
- 36 m³/h pro Person → hält CO₂ bei ca. 800–900 ppm.
- Kleine Räume erreichen schneller kritische CO₂-Werte, Luftmengen sind da oft nicht ausreichend – auf Personenbelegung beziehen und ggf. Sensorik einsetzen.
Empfehlungen aus Fachquellen
| Quelle / Norm | Zuluftmenge pro Person | Ziel-CO₂ |
| SIA 382/1 | ca. 30 m³/h | < 1000 ppm |
| DIN 1946-6 (Deutschland) | 30–36 m³/h | < 1000 ppm |
| BAG / Schulen-lueften.ch | 25–30 m³/h | < 900 ppm |
| ASHRAE 62.1 (USA) | 7.5 l/s (~27 m³/h) | < 1000 ppm |
Anwendung in der Praxis
- Schlafzimmer mit 2 Personen → 60–70 m³/h Zuluft.
- Wohnzimmer mit 4 Personen → 120 m³/h Zuluft.
- Innenliegende Räume → eher 35–40 m³/h pro Person, da keine Fensterlüftung möglich.
- CO₂-Sensoren → sinnvoll zur dynamischen Regelung und Kontrolle.
Wirtschaftlichkeit & Förderprogramme
- Investitionskosten vs. Betriebskosten: Moderne Lüftungssysteme mit Wärmerückgewinnung amortisieren sich häufig durch gesparte Heizenergie.
- Förderprogramme: In einigen Kantonen gibt es Förderbeiträge für eine Komfortlüftung, besonders im Minergie®-Standard oder bei Sanierungen mit GEAK® Plus (siehe Rubrik «Fördergeld beantragen»).
- Lebenszyklusbetrachtung: Langfristig erhöhen hochwertige Systeme den Immobilienwert und senken Instandhaltungskosten.
Umsetzung bei Sanierungen
- Dezentrale Lösungen: Ideal bei eingeschränkter Platzsituation oder denkmalgeschützten Objekten.
- Luftkanalführung nachrüsten: Möglich z. B. über Schächte, Vorwandinstallationen oder Flurdecken.
- Fensterfalzlüfter vs. Systemtechnik: Fensterlüfter können Mindestluftwechsel sicherstellen, aber Komfort und Effizienz sind begrenzt.
Tipps & Empfehlungen
- Zuluftmenge muss nachströmen können – bei dichter Gebäudehülle sind gezielte Öffnungen oder Fensterfalzlüfter notwendig.
- Ventilatoren entnehmen Luft dort, wo es am einfachsten ist – wichtig für Planung der Luftführung zur Vermeidung von Zugluft.
- WRG ist energetisch vorteilhaft – bei Zulufttemperaturen von 14–17 °C werden Heizlasten deutlich reduziert.
- Korrekturfaktoren für Gebäudehöhe beachten – Winddruck und Infiltration steigen mit Gebäudehöhe.
Lüftung im Minergie-Standard – Anforderungen & Umsetzung
Anforderungen gemäss Minergie
- Geregelter Luftwechsel: Minergie verlangt einen kontinuierlichen, kontrollierten Luftaustausch – entweder mechanisch oder hybrid.
- Luftdichte Gebäudehülle: Die hohe Dichtheit macht eine technische Lüftung zwingend notwendig, um CO₂, Feuchte und Schadstoffe abzuführen.
- Akzeptanz aller normkonformen Systeme: Komfortlüftung, Abluftanlagen, Einzelraumlüftung oder Grundlüftung sind zulässig – je nach Gebäudetyp und Sanierungsgrad.
- Pro Wohnraum werden vereinfacht jeweils 30 m³/h Zuluft berechnet (Mindestanforderung).
Lüftungssysteme im Minergie-Kontext
| Systemtyp | Eignung | Besonderheiten |
| Komfortlüftung mit WRG | Neubau & Totalsanierung | Separater Zu-/Abluftkanal, hohe Energieeffizienz, guter Schallschutz |
| Abluftanlage | Teilsanierung, einfache Umsetzung | Nur Abluft in Nassräumen, Nachströmung über Fassade – Zugluftfreiheit beachten |
| Einzelraumlüftung | Sanierung, begrenzter Aufwand | Raumweise Lüftung, oft mit WRG, flexibel installierbar |
| Grundlüftung mit Überströmer | Minergie-Modernisierung | Luftverteilung über offene Türen oder aktive Überströmer – Nutzerverhalten entscheidend |
Vorteile für Planung & Betrieb
- Planungs- und Investitionssicherheit: Minergie definiert klare Anforderungen – das erleichtert die Genehmigung und Förderfähigkeit.
- Gesundheit & Komfort: Schadstoffe und Feuchte werden zuverlässig abgeführt – Schimmelrisiko sinkt, Luftqualität steigt.
- Energieeffizienz: Wärmerückgewinnung spart Heizenergie, besonders in der Heizperiode.
- Werterhalt der Immobilie: Minergie-zertifizierte Gebäude gelten als hochwertig und zukunftssicher.
Fazit: Ein gutes Lüftungskonzept ist kein Luxus
Sondern ein integraler Teil nachhaltiger Gebäudetechnik. Mit der richtigen Planung lassen sich Gesundheit, Energieeffizienz und Gebäudeerhalt optimal verbinden. Eine Lüftungsanlage kann ohne Mehrkosten umgesetzt werden oder aber die Mehrkosten mittelfristig über eine höhere Systemeffizienz amortisiert werden.